zu Hause: erleben
Freitag, 20. Oktober 2006
1. Mal
Heute habe ich auf dem Weg zur Arbeit gleich mehrere Dinge zum ersten Mal gemacht:
- Eine Krawatte in der Oeffentlichkeit getragen (eine Stunde spaeter musste ich sie wieder abmachen, weil ich einen roten Kopf bekam.)
- Einen MP3-Player in der Oeffentlichkeit getragen.
- Meinen eigenen Regenschirm benutzt.

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Donnerstag, 19. Oktober 2006
Everyday-Adventures
Bitte waehrend des Lesens folgende Musik hoeren:
The Pietasters: Criyin Over You: http://www.myspace.com/thepietasters
Angels And Airwaves: The War:
http://www.myspace.com/angelsandairwaves

Science Fiction
Gestern war ich im Kino und habe wieder eine Traene abgedrueckt. Mehr ging aber beim besten Willen nicht. Ich habe "Children of Men" gesehen, einen Science-Fiction-Film. Das Kino lag nahe der Underground-Station "North-Greenwich". Was wesentlich einsamer liegt, als es klingt.

Man kommt aus dem Kino raus und sieht im Horizont die Hochhaeuser der Docklands. Rechts daneben, in Laufnaehe, liegt der Millenium-Dom. Auf dem Weg dorthin kommt man einem Neubaugebiet vorbei, was so gar-nicht-englische Haeuser hat.

Ich ging also Richtung U-Bahn. Auf den Strassen kam alle zwei Minuten ein Bus vorbei, selten konnte ich Fussgaenger in den dunklen Schatten ausmachen. Die Strassen waren verschwenderisch breit. Ob hier in der Rush-Hour mehr los ist?

Ich ueberlegte, zu sehen, wie weit weg die Docklands wirklich sind. Meiner Schaetzung nach eine halbe Stunde, aber wie das bei Hochhaeusern so ist: Auf viel Schaetz-Erfahrung kann ich mich dabei nicht verlassen. Also machte ich mich auf den Weg dorthin, um es auszuprobieren. So sehr ich mich bemuehte, die Strasse machte immer wieder eine Kurve zum Millenium-Dome. Ich kam einfach nicht naeher heran. Der letzte Versuch misslang, als ich links am Millenium-Dome vorbei wollte, dort aber eine bewachte Schranke war. Und links und rechts davon meterhohe, sichtgeschuetzte Zaeune. Ich nahm dann die Underground und die DLR, was aufregend genug war, schliesslich musste ich an der Station Canary Wharf umsteigen und die ist einfach uebertrieben Science-Fiction. Als ich dort an die frische Luft kam, war ich so ueberwaeltigt von den drei Wolkenkratzern, die mich umzingelten, dass ich auf das Bier an der Bar dort verzichtete.
Man muss es ja nicht uebertreiben.

Studenten-Treffen
Heute habe ich Claire getroffen, die einzige englische Studentin, die ich bisher kenne. Vorher war ich aufgeregt, denn ich hatte bisher nur fuenf Minuten mit ihr gesprochen.

Trotzdem hat es irgendwie funktioniert. Sie war sehr geduldig mit mir und so sind wir in der Stunde, in der wir lunchen waren, ueber den oberflaechlichen Smalltalk hinausgekommen.

Sie ist 22, hat einen Bachelor-Abschluss und schon gearbeitet. Erstaunlich, was man in diesem Alter schon alles geschafft haben kann.

Ich haette nicht gedacht, dass man es so vermissen kann, richtig mit Gleichgesinnten zu sprechen, mit hat das sehr gut getan.

Krawatte
Morgen treffe ich Claire Perry (eine andere Claire...). Sie ist Chief Executive. Ich habe keine Ahnung, was sie so macht, aber die haben fuer mich ein Treffen mit ihr arrangiert. Und das bedeutet einige Vorbereitung fuer mich, die ich teilweise schon abgeschlossen habe:
- Am Samstag eine Krawatte gekauft
- Am Dienstag den Windsor- und den HalfWindsor-Knoten geuebt.
- Gerade eben ein Hemd gekauft, bei dem ich den oberen Knopf zu machen kann. (Ich habe ja einen ziemlich grossen Hals. Deshalb muss ich fuer mein neues Krawatten-Hemd ein Hemd anziehen, was am Oberkoerper recht weit ist.)
Was ich noch machen muss:
- Heute das Krawattenbinden perfektionieren.
- Morgen frueh nach dem Aufstehen einen passenden Knoten binden.
Was aber ganz gut ist:
- Lisa, die tolle Sekretaerin, die immer fuer mich da ist, hat mir angeboten, beim Knoten zu helfen. Sie kann das natuerlich.
- Das Treffen ist erst um 3pm.

Sonstiges:
- Englaender sind aller Geruechte zum Trotz sehr direkt. Heute hat mich Claire gefragt, ob ich schon Leute kennengelernt haette. Was denkt die denn? Da muss man sich erstmal eine spontane ausweichende Antwort einfallen lassen. Und das auch noch auf englisch.
- Meistens fuehle ich mich fremd hier, aber was es mir hier ein bisschen leichter macht: Die fahren hier total auf M&Ms ab. Heute hatte ich kurz mal 5 Freunde, weil ich eine Packung M&Ms mitgebracht habe.

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Freitag, 6. Oktober 2006
Nach der ersten Woche
Die erste Woche war sehr aufregend fuer mich und ich bin froh, dass Wochenende ist und ich ausspannen kann. Also nutze ich die Zeit, um die letzten Tage Revue passieren zu lassen.

Praktikum
Ich hatte immer wieder Tiefs. Das erste kam am Dienstag, als ich ziemlich frustrierende Arbeit machte. Ich musste Listen aufstellen ueber Sachen in einer fremden Sprache, deren Bedeutung ich wohl auf deutsch nicht verstehen wuerde. Zudem bekam ich das alles schlecht erklaert und ich traute mich nicht nachzufragen. Gleich durchfuhr mich der erste Heimwehschock.

So schlimm blieb es aber nicht und ich rueckblickend kann ich sagen, dass ich eine richtig gute Woche hatte. Hier am Krankenhaus wird ein neues Gebaeude gebaut, was sie in knapp 2 Monaten eroeffnen und ich durfte gestern schon einmal durchgehen. Ausserdem habe ich ein paar nette Leute kennengelernt, die sich viel Muehe mit mit geben, so dass sich mein Englisch rasant verbessert.

Da ist zum Beispiel Lisa: Sie ist die Sekretaerin vom Chef und sie ist soooo lieb. Dabei sieht sie so englisch aus, ich kann mir nicht vorstellen, dass es solche Menschen wie sie irgendwo anders gibt. Sie beherrscht die Hoeflichkeit und das Singen beim Sprechen und gibt mir das Gefuehl, dass sie mir immer helfen koennen wird, egal welcher Mist mir hier passiert.

Heute habe ich sogar ein nettes persoenliches Gespraech mit Helen gehabt, die ich erst fuer unsympathisch hielt. Wir unterhielten uns ueber unsere Beziehungen, sie erzaehlte viel von ihrer Situation, die wesentlich komplizierter ist als meine. Ihr Freund wohnt in Trinidad oder Tobago und sie ueberlegt, ob sie mit den beiden gemeinsamen Kindern dahinziehen soll.
Sie ist heute nicht aufgetaut, sondern nahezu explodiert.

Ich sehe es als eine grosse Herausforderung an, herauszukriegen, zu welchen Ausbruechen die kuehlen Englaender noch faehig sind.


Freizeit
Obwohl ich noch keine Freunde hier gefunden habe, bin ich noch an keinem Tag direkt nach der Arbeit nach Hause gegangen. Ich war ziemlich viel shoppen und habe eine Menge gesehen:

Docklands
Am Dienstag, nachdem die Arbeit sehr frustrierend war, bin ich in die Docklands gefahren, diesem neuen Buero-und-Einkaufs-Hochhaus-Komplex-mit-fahrerloser-U-Bahn.

Schon bevor ich ankam hatte ich heftiges Herzklopfen und freute mich sehr auf meine Erkundungstour. Und es war in der Tat ueberwaeltigend: Als waere ich in einen Science-Fiction-Film gefallen. Wolkenratzer so weit das Auge reicht, mit so viel Glas und so geraeumig gebaut, wie es geht.

Ein riesiges Einkaufszentrum, die modernste U-Bahn-Haltestelle, die ich je gesehen habe (canary wharf), irgendwo eine riesige Werbeleinwand, Wolkenkratzer, die bei einem Blick in das Erdgeschoss aussehen, als staenden sie leer, aber bestimmt voll von Aliens, Milliardaeren und nackten Frauensind. Und dann tanzen da alle drin, nehmen Drogen und so weiter. Immer wieder gab es zwischendrin kleine Gruenanlagen, die auch wirklich gruen sind. Auf das schwimmende chinesische Restaurant bin ich nicht gegangen, dafuer habe ich versucht, einige Anregungen von den Kleidungen der zahllosen Geschaeftsmaenner zu gewinnen. Achja, und die Versteigerung von Lehmanss Spickzettel ist sogar hier ein Thema.

Der Versuch, es in einem Wort zu beschreiben?
TotalueberraschendIneverhaveseensomethinglikethisbeforeueberforderndueberwaeltigendichwilldawohnenundDrogennehmenundmitdenMaedelsunddenMilliardaerentanzen.

Regenschirm
Ich habe einen Regenschirm bekommen. Allerdings erst gestern. Vorgestern kam mir etwas dazwischen:
Nach der Arbeit fand ich ziemlich schnell einen. Doch ich wollte noch in anderen Laeden nach einem schoeneren schauen. Ich wuerde ja spaeter wiederkommen koennen, dachte ich.

Das tat ich dann auch, aber der Laden hatte schon zugemacht. Es war gerade mal halb sechs. Gestern bin ich dann zu einem Einkaufszentrum gefahren, dass Donnerstags bis neun offen hat und da bin ich endlich fuendig geworden. (Merke: Von jetzt an jeden Donnerstag shoppen gehen.)


Kino
Gestern war ich im Kino und habe mir Click angesehen. Toll war der Film nicht, aber er hat mich trotzdem mitgenommen. Mir ist etwas passiert, was ich so vorher nicht kannte: ich musste weinen. Als Adam Sandler erkannte, dass er seine Familie vernachlaessigt hat, wurden meine Augen feucht, ich liess es einfach geschehen und eine kleine Traene lief meine rechte Wange herunter.

Das alles hier nimmt mich wohl doch schon irgendwie mit, aber fuer mich war es eine tolle Sache. Ich nehme mir bestimmt seit 10 Jahren vor, endlich mal im Kino zu weinen. Gestern habe ich es endlich geschafft.


Britische Gerichte diese Woche:
- Custard (war fuerchterlich)
- Fish & Chips (koestlich, aber zu wenig)
- Trifle von Marks & Spencer (ein gutes Abendessen)

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Samstag, 30. September 2006
Neu in London
Zum Start
Ich werde also jetzt drei Monate in London sein, hier wohnen und ein Praktikum machen. Seit Mittwoch bin ich hier und lebe meine Erkaeltung aus. Deshalb bin ich erstmal nicht viel unterwegs, umso mehr Zeit habe ich aber, meine Eindruecke von dem Inselvolk zu beschreiben.

Ich wohne mit meiner Tante Michaela zusammen in einer gemuetlichen, aber spaerlich eingerichteten 3-Zmmer-Wohnung. Ich habe sogar ein kleines Zimmer fuer mich, das ich nachher mit Fotos aus der Heimat so richtig kuschlig machen werde.

Party
Gestern war ich auf der ersten auslaendischen Party meines Lebens. Meine Tante hat mich spontan dahin mitgenommen. Das interessante daran war: Sie fand in einem Pub in dem Krankenhaus statt, in dem Micha arbeitet und ich ab Montag sein werde.

Dass wir ueberhaupt da waren, wurde zu einer knappen Angelengenheit, denn wenige Meter vor dem Eingang wurde ich nervoes und wir waeren beinahe umgedreht. Aber gestern hatten wir unseren mutigen Abend. Also stuerzten wir uns mutig ins englische Geschehen.

Micha stellte mich allen Leuten vor, sie sie kannte und irgendwann fanden wir jemanden, der sich mit uns unterhalten wollte.

Es war ein wenig muehsam, sowohl fuer unseren Gespraechspartner als auch fuer mich. Fluessig englische Saetze aneinanderzuhaengen ist doch wesentlich komplizierter als eine Cola zu kaufen, was ich am Flughafen schon ohne Zwischenfalle geschafft hatte.

Mit unserer behutsamer Geduld erfuhren Micha und ich einige interessante Sachen von Dave (oder Steve. Da war sich Micha nicht so sicher und ich habe eh nicht mitbekommen, dass er seinen Namen gesagt hat):
- Das Nachtleben im Londoner Westen ist derzeit angesagt, obwohl es dort haesslich sein soll.
- Student in London zu sein ist nur gut, weil man seinen Besuchern viel zu bieten hat, leisten kann man es sich eh nicht. Deshalb muss man Abstriche beim Studentenleben machen.
- In Neuseeland findet man als Arzt besser Arbeit, deshalb ueberlegt Dave/Steve dorthin zu gehen.

Im zweiten Gespraech des Abends erzaehlte uns Surin oder so (Bei ihm habe ich den Namen einfach vergessen), ein indisch-aussehnder, frischverheirateter Mann um die 30:
- To go clubbing ist zwar sehr in, aber das ist doch nichts anderes als in Deutschland in einem Club tanzen zu gehen (aber auf englisch hoert sich das schon cooler an, finde ich).
- dass man in Australien einen Job als Arzt bekommen koennte, deshalb ueberlegt Surin oder so dorthin zu gehen.

Dann habe ich das Gespraech verloren, es ging um das englische Gesundheitssystem und so sicher bin ich noch nicht im englischen. Also liess ich meine Tante mit dem Kerl quatschen, sah mir verwundert an, dass die Leute hier auf den Partys im Pub im Krankenhaus tanzen und war froh, als mir Micha wenig spaeter vorschlug, nach Hause zu gehen.

Noch eine Geschichte zum Abschluss
Vorhin ging ich ueber eine Strasse und entschied mich erst spaet, das Fahrschulauto vorbei zu lassen. Die Schuelerin war so verschreckt, dass sie abwuergte. Mir war das ein wenig unangenehm, aber ich hatte nun genug Zeit, die Strasse vor ihr zu passieren. Aber so etwas kann einem in Deutschland genauso passieren.

Vorschau
- Am Montag habe ich meinen ersten Tag als Praktikant, bin mal gespannt, wo ich da eigentlich lande.
- Wohnen ist hier auch anders, nicht nur, weil Ikea bis 24 Uhr auf hat
- Klischeehafterweiser haben die Englaender eine seltsame Vorstellung von Ordnung. Im Strassenverkehr scheint das gut zu funktionieren, beim Einkaufen kann man dagegen schnell aufgeschmissen sein.

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