zu Hause: 2006-11-27
Montag, 27. November 2006
Heimweh + Homesick
Heutige Musik: Angels and Airwaves: "Star of Bethlehem"
Inspiriert durch eine Mail, die ich gerade geschrieben habe, möchte ich das Heimweh beschreiben, das ich letzte Woche hatte.

Vergangenes Wochenende war ich mit meiner Tante in Devon, an der Südküste Englands. Dort wohnten wir in einem Appartment. Die Vermieter waren Gartendesigner. Der Mann war ein richtiger Einsiedler. Dass er damit gar nicht so zurecht kommt, konnte man daran sehen, wieviel er redete. Seine Frau haben wir nicht gesehen, sie arbeitete die ganze Zeit.
Er erzählte: "Ich kenne hier nur 4 oder 5 Leute, mit denen ich Fischen gehe. Mehr brauche ich aber auch nicht. Jeden Morgen gehe ich mit meiner Frau auf die Terasse, schaue unseren Garten an und das Kliff herunter. Was braucht man mehr.
Letztens war ich in London. Drei Tage. Und ich fragte mich: Wie können Menschen nur so leben."
Und dann:
"Meine Frau ist eine gute Gartendesignerin. Sie ist mittlerweile zu einiger Berümtheit gelangt."
So hört sich Einsamkeit an.

Als ich gerade nach der Arbeit ins Internetcafe gegangen bin, dachte ich: Einsamkeit... ... das ist Heimweh.

Und zwar deshalb:

Ich denke, dass jeder Mensch in seiner eigenen kleinen Welt lebt. Er macht, was für ihn am Besten erscheint. Und wenn er es mag, anderen zu helfen, dann ist er ein netter Mensch, irgendwie. Aber kein Besserer. In dieser kleinen Welt ist jeder alleine.
Diese kleinen Welten sind nicht voneinander abgegrenzt. Sie stossen zusammen, wenn man mit jemandem redet, telefoniert, Fussball spielt, jemanden anschaut, auch wenn dieser nicht zurückschaut. Selbst im Kino ist der Film, den man sieht auch immer der Film, den andere Menschen sehen (ein Tipp: Lasst die Finger von dem neuen James Bond).
Hier entstehen kleine Welt an der mehrere Menschen teilhaben. Wenn man durch die Strassen geht, sieht man viele kleine Gruppen, in denen mehrere kleine Welten nebeneinander stehen, nie voneinander abgegrenzt. Die Menschen dort sind nun nicht mehr einsam. Sie sind Teil etwas grösserem.

Gerade habe ich gesehen, wie eine Asiatin einige Minuten wartete. Sie blickte gelangweilt, sah niemanden an, stellte sich an den Rand des Weges und bewegte sich möglichst wenig.
Nach einigen Minuten kam ihre Freundin mit einem Koffer, eine kleine Asiatin. Und beide lächelten. Die kleine war gerade aus der Bahn ausgestiegen und sie freuten sich, nicht mehr alleine zu sein. Sie grinsten sich an und wenn sie nicht Asiatinnen gewesen wären, hätten sie sich bestimmt umarmt.

Hier in London zu sein, bedeutet für mich, Einblick in neue kleine Welten zu bekommen.

Als ich vor zwei Jahren in London war, ging ich mit Wibke und Miri, der Freundin bei der wir schliefen, um sechs Uhr morgens zum Zug. Wir sahen in die gewöhnlichen englischen Häuser. Mit kleinem Vorgarten, Erker neben der Haustür und einer Mauer zum Bürgersteig. Ich fragte mich: Wie leben die Menschen hier? Wie fuehlt es sich an, in London zu leben?
Und jetzt erlebe ich es!
Ich bin von den kleinen sozialen Kreisen, die ich in Berlin habe, in völlig neue hereingeworfen worden. Sie sind natürlich anders.

Mich fasziniert die unendliche Vielzahl von Welten. Und dass sie ein Gesamtes ergeben. So stelle ich es mir vor. Den Fluss der Menschen.

Und wenn man das Gefühl hat, den Kontakt zu ihnen zu verlieren, sich einsam fühlt, dann ist das Heimweh. Die Sehnsucht, am Leben anderer Leute teilnehmen zu dürfen. Und deswegen bin ich der Meinung, dass "Heimweh" einfach das bessere Wort ist. "Homesick" trifft das einfach nicht.

War mal ein ernsteres Thema, und vielleicht habe ich ja Glück und es haben nicht viele geschafft, bis zum Ende zu lesen.

Noch ein Satz:
Ich frage mich, ob der Amokläufer eigentlich auch dieses Heimweh hatte. Er konnte nichts gegen das Heimweh tun, weil die anderen Grenzen um ihre Kreise ziehen. Und diese Grenze zogen sie vor ihm. Dass Menschen so engstirnig sein können. Und sich dann hinterher wundern ("Wir haben ihn nur ab und zu geneckt und in die Wange gekniffen"), das war das schlimme.

Wie fandet ihr James Bond?
Langweilig, veraltet, totaler Mist!
Naja, ganz gut, hat mich unterhalten

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Erstellt von milkyway am 2006.11.27, 20:02.

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