zu Hause: 2006-11-17
Freitag, 17. November 2006
Konzertbericht
Frueher, als ich mit 18 auf Punkrockkonzerte gegangen bin, um zu pogen, habe ich mich immer gefragt, wann ich zu alt dafuer werde. Bis 24 werde ich das bestimmt machen, dachte ich. Nun bin ich 26 und gehe immer noch auf Punkrockkonzerte. Seltener zwar als frueher, aber ich tanze immer noch gerne vorne im Gewuehle. So wie am Samstag mit Clemens beim Less tahn Jake - Konzert

Gestern war Rancid in der Brixton Academy. Die Karte habe ich schon vor 3 Wochen gekauft. Eine Kollegin hatten mich gewarnt dahin zu gehen. In Brixton gibt es Bandenkriege und Drogenhaendler. Als ich gestern morgen aufwachte, mit veschnupfter Nase und Schleim im Hals, ueberlegte ich mir, das Ganze doch sein zu lassen. Aber dann hoerte ich mir zwei Lieder von ihnen auf myspace.com an und entschied mich, doch hinzugehen. Und Micha lieh mir das Auto. „Bezahlt isch’s“ spukte mir den ganzen Tag eine alte schaebische Weisheit im Kopf.

Als ich aus dem Auto ausstieg war ich mir nicht sicher, ob ich dort parken duerfte. Also fragte ich einen Jungen, der im Auto vor mir sass. Er war, wie ich, am Samstag auf dem Konzert gewesen. Er fand, wie ich, Less than Jake sehr gut und, wie ich, Dropkick Murphys enttaeuschend. Ich wuenschte ihm ein schoenes Konzert und er meinte noch, ja, vielleicht sieht man sich dort.
Die Schlange ging einmal um die Halle herum. Als ich an ihrem Ende ankam, wurde ich freundlich von einem Amerikaner empfangen. „Fuck your dad“ sagte er zu mir. Seine Freundin sagte mir „say ‚fuck yourself’“. Was ich auch tat, aber er hoerte mich leider nicht.
Hinter mir in der Schlange standen 2 Jungen und ihre Mutter. Die Jungs bekamen wirklich grosse Augen, als ich erzaehlte, dass ich Rancid schon 1998 live gesehen habe, sie waeren da erst 7 oder 8 gewesen. Ich werde alt.

Die Brixton Academy ist sehr schoen. Muss wohl ein altes Theater sein. Es gibt dort eine Empore und einen Innenraum. Oebn, auf der Empore besteht Stehverbot, dafuer gibt es viele Sitzplaetze dort. Und leider habe ich noch nur eine Karte fuer oben bekommen.
Also fragte ich die Jungs, ob einer von ihnen, wenn sie drin sind, kurz nochmal rauskoennte und mir seine Karte geben koennte, damit ich auch unten reinkomme. Sie wuerden sie dann natuerlich auch wieder bekommen. Die Mutter war dagegen. Das ist schon komisch: Am Samstag Less than Jake - Konzert habe ich fuer Clemens auch nur eine Karte fuer oben bekommen. Also bin ich unten rein, und habe verschiedene Leute gefragt, ob sie mir eine Minute ihre Karte leihen koennten, damit ich mit meinem Bruder das Konzert zusammen sehen koennte. Vier sagten „nein“, bei dem einen verstehe ich es noch, der sah ziemlich bekifft aus. Aber ich stehl den Leuten ja nix.
Der fuenfte wollte mich auch schon abwimmeln, als er merkte, dass sein Freund auch nur eine Karte fuer oben hatte und sich schon oben hingesetzt hatte. Also schlug ich ihm vor, dass ich Clemens hole und er dann seine Karte bekommt und dann seinen Freund holen kann. Ich habe ihm das drei mal erklaert, bis er es verstanden hat und dann sagte er ziemlich ueberrascht: „You are clever“, was ich einfach mal als Kompliment verstehe.

Gestern musste ich also nach oben. Ich setze mich hin und hoerte mir die ziemlich schlechte erste Vorband an. Danach sprach mich eine Englaender an, die mit zwei Freunden da war. Wir hatten ein bisschen Smalltalk. Ich habe mal wieder gsagt, dass ich ein „Appointment“ habe (was Termin heisst) obwohl ich Placement meinte (das heisst Praktikum). Sie hat sich nicht gewundert und als ich den naechsten Satz sagte, drehte sie sich schon weg. Wenigstens habe ich noch jemanden kennengelernt.
Und die zweite Vorband war wesentlch besser.

Bei den Vorbands waren vereinzelte Leute aufgestanden, aber die freundlichen Aufpasser in orangenen Polohemden hatten sie immer zum Hinsetzen bewegt. Als Rancid kam, standen alle auf und die Ordner gaben auf. Die Englaender tanzten zwar nicht, aber so konnten sie schoen konzentriert das Konzert beobachten.

Das Konzert
Rancid war sehr geil. Sie hatten eine Leinwand hinter sich aufgehaengt, wo Zombiefilme liefen, Verfolgungsjagden, alte Western und Bilder von Atombombenabwuerfen. So kann man Stimmung machen.

Am linken Rank der Buehne (von oben hatte ich den vollen Durchblick) stand eine aeltere Frau. Sie hatte schon weisse Haare, aber tanzte besser als die meisten Englaender. Sie wippte mit dem ganzen Koerper, ihr altersschwacher Busen brang das Rancid-T-Shirt in Bewegung. Sie hatte die Arme leicht leicht nach vorne gebeugt und hob sie im Rhytmus. Einmal flippte sie voellig aus und klatschte mit. Ihre Beinarbeit liess zu wuenschen uebrig, aber die knallrote Handtasche, die vor ihr stand machte das allemal wett.
Am Anfang der Zugabe spielten sie 3 Lieder auf Akkustikgitarren. Tims Amstrong einmalige Stimme und hunderte Englaender, de den Tezt mitsinge und ein deutscher, der vor sich mitsummt. Da lief’s mit kalt den Ruecken runter.
Nach dem Konzert zog ich mein verschiwtztes T-Shirt aus. Als ich herausging fuehlte ich mich leer. Eine Leere, die ich erst beim naechsten Konzert wieder fuellen kann.
Ich waere schon sehr gerne unten gewesen.

Ansonsten:
Ich habe mir ueberlegt, der Kollegin, die mich gewarnt hat, nach Brixton zu gehen, ein t-Shirt zu basteln. Mit dem Aufdruck „I survived Brixton... (vorne) ...but I had to buy drugs (hinten)”
Oder “My colleague went to Brixton and all he got was this lousy t-shirt”

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